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22.07.2024

Die Spurensuche im märkischen Sand geht weiter

Archäologen suchen nach Resten eines US-Flugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg

Ein Mitglied des internationalen Suchteams siebt Sand aus dem Böschungsbereich eines Sees bei Rheinsberg. Gesucht wird nach den Resten eines abgestürzten US-Bombers aus dem Zweiten Weltkrieg und seiner Besatzung. © LK OPR
Ein Mitglied des internationalen Suchteams siebt Sand aus dem Böschungsbereich eines Sees bei Rheinsberg. Gesucht wird nach den Resten eines abgestürzten US-Bombers aus dem Zweiten Weltkrieg und seiner Besatzung. © LK OPR

Eine bewaldete Uferböschung an einem See nördlich von Rheinsberg. Zwischen den Nadelbäumen ist im Hintergrund ab und an ein Freizeitboot zu erkennen, das sanft über das glitzernde Wasser dahingleitet. Die Temperaturen bewegen sich um die 30 Grad. Eigentlich eine perfekte Urlaubsstimmung, wüsste man nichts von den archäologischen Ausgrabungen, die im steilen Uferbereich stattfinden.

Seit 2018 suchen Spezialistinnen und Spezialisten nach Spuren eines dramatischen Ereignisses, das sich in dieser Gegend, am nordöstlichen Zipfel des heutigen Landkreises Ostprignitz-Ruppin und in unmittelbarer Nähe zum Nachbarbundesland Mecklenburg-Vorpommern, vor fast genau 80 Jahren abgespielt hat. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges, am 5. Dezember 1944, stürzte ein Bomber der US-Streitkräfte, eine Boeing B-17, im Uferbereich des Sees ab, möglicherweise nach einem Treffer der Flugabwehr. Von den elf Menschen an Bord kamen zehn ums Leben, acht von ihnen gelten aber bis zum heutigen Tag als vermisst. Eine Person überlebte in Kriegsgefangenschaft. Das genaue Schicksal der Vermissten aufzuklären ist der Auftrag der Defense POW/MIA Accounting Agency (DPAA). Das ist eine Dienststelle des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums. Sie kümmert sich um die Suche nach Kriegsgefangenen und vermissten US-Soldaten sowie deren sichere Identifizierung – und das weltweit, wie gerade an dem See in der Nähe von Rheinsberg.

In diesem Bereich einer steilen Böschung am Rande eines Sees stürzte im Dezember 1944 ein Flugzeug der US-Streitkräfte ab. Von den elf Besatzungsmitgliedern gelten acht immer noch als vermisst. © LK OPR
In diesem Bereich einer steilen Böschung am Rande eines Sees stürzte im Dezember 1944 ein Flugzeug der US-Streitkräfte ab. Von den elf Besatzungsmitgliedern gelten acht immer noch als vermisst. © LK OPR

Bereits in den Jahren 2018 und 2021 waren Teams der DPAA in Brandenburg vor Ort, um nach der genauen Absturzstelle und nach Spuren des Absturzes zu suchen. Zuvor hatte der Landkreis als untere Landesbehörde für Ausnahmegenehmigungen nach der Kriegsstättenverordnung seine Zustimmung für diese Suchaktionen gegeben. Christian Wagner, beim Amt für öffentliche Sicherheit und Verkehr unter anderem zuständig für die Kriegsgräber im Landkreis: „Es ist klar, dass wir das unterstützen. Auch im Sinne des Erinnerns und der Mahnung, dass sich solche Kriege nicht wiederholen dürfen. Wir erinnern und gedenken damit auch der zahlreichen Opfer.“ Insgesamt sind im Landkreis die Gräber von 3.856 in beiden Weltkriegen ums Leben gekommenen Menschen bekannt, darunter Zivilisten, Soldaten, Kriegsgefangene, aber auch KZ-Häftlinge, die Opfer der Todesmärsche wurden . Allein im Raum Rheinsberg gibt es 381 solcher Grabstätten.

Seit Mitte Juni dieses Jahres wird erneut bei Rheinsberg nach dem gesucht, was möglicherweise neue Erkenntnisse über das Schicksal der Vermissten des Flugzeugabsturzes von Anfang Dezember 1944 liefern könnte. Waren es in der Vergangenheit vor allem Angehörige des US-Militärs, die die Suche maßgeblich durchführten, so ist in diesem Jahr ein gemischtes Archäologen-Team aus den USA und aus Österreich im Auftrag der DPAA im Einsatz. Insgesamt rund 20 meist junge Frauen und Männer, Studentinnen und Studenten der Universitäten New Orleans, Portland, Berkeley und Innsbruck. Ausgrabungsleiter sind Professor Ryan Gray aus New Orleans und Professor Harald Stadler aus Innsbruck. Beide sind sie erfahrene Spezialisten auf dem Gebiet der Mittelalter- und Neuzeitarchäologie. Nun graben sie sich mit ihrem Team durch die obersten Erdschichten an der Absturzstelle von 1944. Insgesamt geht es dabei um eine Fläche von etwa 300 Quadratmetern.

Sorgfältig kommen Sand und Erde, die bis in eine Tiefe von etwa 30 Zentimeter abgetragen werden, zunächst in Behältnisse, von dort dann in große Siebe. Immer verbunden mit der Hoffnung, in dem gesiebten Material noch irgendwelche Reste des abgestürzten Bombers oder Hinweise auf das Schicksal der vermissten Besatzungsmitglieder zu finden, auch wenn diese noch so klein sein mögen. Manche der Trümmerteile sind - wenn überhaupt - nur noch unter dem Mikroskop identifizierbar. Nach den bisherigen Erkenntnissen der Archäologen muss der Bomber nach dem heftigen Aufprall bei großer Hitze im Uferbereich verbrannt sein. Darauf deuten die unzähligen geschmolzenen Aluminiumteile hin.

Akribische Suche im märkischen Sand. Jedes noch so kleine Teil, das in Verbindung mit dem Flugzeugabsturz stehen könnte, wird untersucht und später in US-Labors genauer analysiert. © LK OPR
Akribische Suche im märkischen Sand. Jedes noch so kleine Teil, das in Verbindung mit dem Flugzeugabsturz stehen könnte, wird untersucht und später in US-Labors genauer analysiert. © LK OPR

„Es ist eine sehr langwierige Suche“, erklärt Professor Stadler, der auch eine spätere Suchaktion mit Tauchspezialisten im Uferbereich des Sees für denkbar hält. „Es ist wie ein riesiges Puzzle mit ganz vielen Teilchen, das sehr viel Zeit in Anspruch nimmt“, so der Österreicher. Gefunden wurden bisher unter anderem Reste des Cockpits, des Fahrwerks und der Flügelpartien. Und sterbliche Überreste? Dazu wollen sich Professor Stadler und sein US-Kollege, Professor Ryan Gray von der Universität New Orleans, nicht näher in der Öffentlichkeit äußern. Das hat vor allem mit dem Respekt vor den immer noch lebenden Angehörigen der vermissten Besatzungsmitglieder zu tun. Professor Harald Stadler: „Wenn etwas nicht hundertprozentig sicher ist, kann es am Ende peinlich werden. Wir wollen keine falschen Hoffnungen bei den Hinterbliebenen wecken.“ Deshalb werden alle gesicherten Teile und Spuren, die in Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz stehen könnten, zunächst zur gründlichen wissenschaftlichen Analyse in die USA gebracht. Sollte dabei das Schicksal eines an Bord befindlichen US-Soldaten eindeutig geklärt werden können, werden zu allererst die Angehörigen und danach erst die Öffentlichkeit über einen möglichen neuen Kenntnisstand informiert. „Ein Prozedere, das zu unseren Grundsätzen zählt. Und daran werden wir uns auch bei der dieser Suchmission halten“, betont Professor Ryan Gray, der in engem Kontakt mit der DPAA mit Hauptsitz auf Hawaii steht.

Inzwischen sind die Sucharbeiten des amerikanisch-österreichischen Teams Nahe Rheinsberg beendet worden, die Teammitglieder haben ihre Heimreise angetreten. Zurück nach Österreich und in die USA. Eine Rückkehr ist allerdings nicht gänzlich ausgeschlossen. Professor Ryan Gray und Professor Harald Stadler ziehen gemeinsam eine positive Bilanz: "Die Untersuchungen verliefen sowohl bezüglich der Zusammenarbeit amerikanischer und österreichischer Studenten als auch bezüglich der Rekonstruktion des Absturzgeschehens erfolgreich. Entdeckte Überreste müssen erst in den amerikanischen Labors untersucht werden. Die Ausgrabungscrew bedankt sich bei allen behördlichen Stellen und bei der Stadt Rheinsberg für die gute Zusammenarbeit."

Professor Harald Stadler von der Universität Innsbruck im Interview. Der erfahrende Archäologe hat gemeinsam mit Professor Ryan Gray aus New Orleans die Grabungen bei Rheinsberg geleitet. © LK OPR
Professor Harald Stadler von der Universität Innsbruck im Interview. Der erfahrende Archäologe hat gemeinsam mit Professor Ryan Gray aus New Orleans die Grabungen bei Rheinsberg geleitet. © LK OPR



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